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Während sich die Sorgen im Lockdown häuften und die Unzufriedenheit in Deutschland zunahm, trafen wir die Entscheidung, am Bosnien-Einsatz teilzunehmen. Den Mut zu sammeln und aus der lethargischen Träumerei aufzuwachen, hat definitiv Kraft gekostet: Welche Bilder erwarten uns? Werden wir damit umgehen können? Wie wird es sein, wenn wir wieder zurück sind? Fragen, die einen in der Komfortzone, in der eigenen Wohnung, hätten festhalten können. Aber gerade, wenn Gedanken kritisch sind, die Intuition jedoch eindeutig dafür ist, genau dann muss man hinhören, um wachsen zu können.

Zu fünft begann Mitte Februar die Reise nach Bosnien. Private Themen und Erwartungshaltungen an den Einsatz waren Teil unserer Gespräche auf der Fahrt. Mit unterschiedlichen Ansichten und unterschiedlichen Charakteren fuhren wir über die Grenzen, um dasselbe Ziel zu erreichen: Unterstützen  vor Ort.

Der erste Tag stand vor uns und die Aufregung auf dem Weg zum Camp war durch eine davor nicht herrschende Stille oder durch Kommentare, die diese Stille brechen wollten, zu spüren. 

Wir kamen an einem grauen Tag am Camp an, das weit weg von jeglicher Zivilisation in den kalten Bergen lag. Eingepackt in viele Schichten standen wir vor 30 Zelten, wo Menschen ohne Strümpfe,in ihren offenen Badeschuhen, die fast am Zerreißen waren, standen. Viele Bewohner des Camps waren in den Zelten oder saßen an den Heizlüftern, aus denen trockene Luft kam, die nicht wirklich wärmend aussah. Was sie wohl gerade in diesen Zelten machen? Haben sie noch Träume und Ziele im Leben oder geht es ihnen nur noch ums Überleben? Haben sie Kontakt zu ihren Familien? Haben sie überhaupt eine Familie?

 

  

Viele Fragen schwirrten in unseren Köpfen, während wir versuchten, den Menschen mit einem freundlichen und nicht zu eindringlichen Blick zu begegnen. Im Bauch entstand ein Druck, ein schlechtes Gewissen, da einem bewusst wurde, wie gut es uns geht. Zu erwarten war eher das Gefühl der Dankbarkeit. Aber nein, als man diese Umstände sah, fiel es einem schwer, Dankbarkeit zu spüren. Bis in den Abend häuften und konkretisierten sich die Fragen im Kopf. Was mache ich als einzelnes Mitglied in der Gesellschaft, um solche Situationen zu verhindern oder gar zu verursachen? 

Motiviert fingen wir am nächsten Tag an, Hygienepakete vorzubereiten. Nachdem im Camp eine Hautkrankheit ausgebrochen war, war es dringend notwendig, etwas zu unternehmen, vor allem, weil sie auch ansteckend war. Medizin war leider nicht ausreichend, und für die Genesung waren auch frische Kleidung und weitere Hygieneartikel nötig. Mit Zuversicht, dass diese Pakete helfen werden, packten wir gemeinsam mit einer weiteren Hilfsorganisation viele weitere zusammen.

 

Beim nächsten Besuch im Camp schien die Sonne und mehr Lebendigkeit war zu spüren. Die Zelte wurden bereits desinfiziert und die Hygieneartikel ausgeteilt. Wir unterhielten uns, und ja für kurze Augenblicke lachten wir auch gemeinsam. Mit widersprüchlichen Emotionen wollten wir den Menschen Kraft geben und unser Interesse an ihren Geschichten zeigen. Wir hörten Geschichten der Flucht, Geschichten aus dem früheren Leben oder eben kurze unbeschwerliche Smalltalks, um keinen Zwang zu erzeugen.

Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft herrschte Stille im Auto. Diesmal versuchte keiner von uns, sie zu unterbrechen, denn jeder war in Gedanken vertieft. Uns wurde bewusst, dass es die richtige Entscheidung war, an diesem Einsatz teilzunehmen. Es wird auch klar, dass einen Geldbetrag zu spenden viele einzelne Schicksale positiv beeinflussen kann, aber auch, dass Support viele Wege hat: Support ist Spenden, aber auch vor Ort zu sein, den Tatsachen in die Augen zu schauen und sein Mitwirken bewusster einzusetzen. 

Wochen liegt nun der Einsatz zurück und ein erweitertes Wissen, wo und wie STELP Unterstützung leistet ist eines der vielen Punkte, die wir mitgenommen haben: 

Holz zum Heizen wurde gekauft und eingepackt, große Summen an Lebensmitteln für Essenspakete wurden bezahlt, aber auch einzelne Personen wurden mit Wasser und Essen versorgt, die wiederum diese Hilfsgüter direkt mit anderen Bedürftigen geteilt haben.  

  

Verschiedene Ebenen und Mittel der Hilfeleistung, unterschiedliche Partner und Hilfsorganisationen vor Ort haben wir auch kennenlernen dürfen. Das alles hat uns wachsen lassen und einen Einblick in das ehrenamtliche Arbeiten gezeigt. 

Beschäftigt waren wir nach unserer Rückkehr auch mit dem Ordnen unserer Gedanken und Gefühle. Eine eindeutige Einsicht ist da: Geld spenden, anpacken, aber auch die Komfortzone verlassen und von dem hohen Ross unseres luxuriösen Alltags runterkommen. Eine Unzufriedenheit ist auch da, aber nicht auf das eigene Leben bezogen, sondern auf die globale Ungerechtigkeit. Eine neue Stimme, die sagt, da hinzuschauen, wo und wie jeder Einzelne seinen Beitrag, egal welcher Art, leisten kann.