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Sackgasse Bosnien

 

von Christina Lopinski

Es ist Mitte Dezember, die Corona-Zahlen steigen und die ganze Republik, so scheint es, ist damit beschäftigt, das Weihnachtsfest zu retten, als wäre es ein Impfstoff. Über die Verhältnismäßigkeit so mancher hartnäckiger Traditioneller mag man streiten, das große Ganze darf aber nicht vergessen werden. Die Pandemie hat die westlichen Demokratien in einen Krisenstatus gestürzt, den sie nicht mehr gewohnt sind. Er tangiert Sicherheit und Freiheit und löst tiefe Emotionen aus. Die Corona-Pandemie ist eine Extremsituation. Als akute Krise überschattet sie, was als chronische Katastrophe gerade sonst noch passiert. Wir schauen auf R-Wert und Inzidenzen, nicht auf Flüchtlingscamps und europäische Außengrenzen. Die Corona-Krise macht die Situation der Geflüchteten in Europa nicht weniger wichtig – im Gegenteil.

Jannik Jaschinski, 22, Student, lebt aktuell in der bosnischen Grenzstadt Bihac, arbeitete erst als Volunteer der Stuttgarter Hilfsorganisation STELP für den Verein ‚SOS Bihac‘, mittlerweile für die ‚No Name Kitchen‘ und berichtet über die Situation. „Es gibt nicht nur Moria“, sagt er. Und bevor Jannik anfängt zu erzählen, zeichnet er das Bild eines Landes, das schon ohne Geflüchtete am Rand der Überforderung steht. 

 

Jannick Jaschinksi und STELP Partner SOS Bihac beim Verteilen von Kleidung

 

Bosnien-Herzegowina ist eine junge Republik. 1992 rief das Land seine Unabhängigkeit vom jugoslawischen Staatenbund aus – und stürzte wenig später in einen verheerenden Krieg, dessen Auswirkungen bis heute spürbar sind. Obwohl Bosnien als Demokratie gilt, konkurrieren verschiedene ethnopolitische Lager um die Macht. Das Land ist tief gespalten und das politische System dysfunktional und korrupt. Die Wirtschaftsleistung ist schwach, die Arbeitslosigkeit hoch, fast so hoch wie die Emigration junger Menschen. „Das Land ist politisch extrem zerfahren“, sagt Jannik. „Viele wünschen sich Jugoslawien zurück, es herrscht eine völlige Staatenlosigkeit.“ Aus seinen Erzählungen wird deutlich, dass Bosnien schon ohne die Geflüchteten genug zu tun hat. Kein Wunder, dass das Krisen-Fass überläuft. 

 

Warum Bosnien?

 

Jannik studiert im neunten Semester Jura und Wirtschaftswissenschaften an der Universität in Heidelberg. Vor seinem Studium hat er bereits ein halbes Jahr in der Flüchtlingshilfe gearbeitet, während seines Studiums eine irakische Familie betreut, dann kam Corona. Seine Auslandspläne platzten und Jannik fand sich im Strudel des „Nichts tun im Lockdown“ wieder. Von der Romantik der Couch verabschiedete er sich schnell. „Ich habe mich extrem schlecht gefühlt, nur herumzusitzen, während es anderen Menschen so viel schlechter geht.“ Er denkt an Griechenland – das Flüchtlingscamp Moria auf der Insel Lesbos hat vor wenigen Monaten gebrannt – er kontaktiert STELP, spricht mit Gründer und Vorsitzendem Serkan Eren: „Bosnien ist roher. Wenn du den größtmöglichen Impact möchtest, musst du nach Bihac“, sagt der ihm. Die größte Not strahlt medial eben nicht immer am Schlimmsten. Im September entscheidet sich Jannik als Volunteer für STELP nach Bihac zu reisen und die Hilfsorganisation ‚SOS Bihac‘ vor Ort zu unterstützen. 

 

 

In Bosnien ist die Situation anders als in Griechenland. Bosnien gehört nicht zur Europäischen Union. Das bosnische Gesetz ist undurchsichtig, was humanitäre Hilfe betrifft. Offiziellen Hilfsorganisationen ist die Arbeit gestattet, anderen Hilfsorganisationen nicht, die Grauzone ist groß. Das macht die Arbeit für NGOs und inoffiziell Helfende schwer. ‚SOS Bihac‘ agiert nicht im Rahmen der offiziellen Camps – es sind drei; zu diesen Camps haben Externe keinen Zugang. Die Hilfsorganisation kümmert sich um die Menschen, die außerhalb der Camps, auf den Straßen und vor allem in den Grenzwäldern leben. „Es ist schwer zu sagen, wie viele Menschen es genau sind, wir gehen aktuell von circa 1.000 aus“, sagt Jannik. „Wir versorgen die Menschen mit Lebensmitteln, Wasser und Kleidung, Hygieneartikeln und was sie sonst noch brauchen.“ Er klingt ganz abgeklärt – nach einigen Wochen Arbeit in der Nothilfe muss man das wohl sein, zu groß ist die Gefahr, an dem unendlichen Leid zu ersticken. 

 

Nothilfe im Untergrund

 

Die Arbeit ist emotional nicht leicht und oft stoßen die Freiwilligen auch an strukturelle Grenzen. Es ist schwer, Kontakt zu den Geflüchteten aufzunehmen, weil sie sich vor der Polizei verstecken. Jannik erzählt, dass die Geflüchteten sich meistens in Gruppen aufhalten und einer in der Gruppe häufig ein Handy besitzt. „Wir kommunizieren über Facebook und machen dann einen Treffpunkt aus, an dem wir Kleidung und Nahrung übergeben können.“ 

 

 

Für die Menschen zu sein, bedeutet in Bosnien gegen Regierung und Polizei zu arbeiten. Nothilfe kann ein Gesetzesbruch sein, während Korruption und Gewalt offen gelebt werden. „Hast du keine Angst vor der Polizei?“, frage ich. „Naja“, Jannik zögert. „Die polizeiliche Repression ist schon extrem, wir sind sehr vorsichtig. Wenn wir angehalten werden, dann geben wir uns als Touristen aus.“ Bisher habe das geklappt – mehr aus zufälligem Glück, aber das sagt er nicht. Er komme gut klar. Jannik und sein Team leben nach anderen Gesetzen. Sie bringen den Menschen die Würde zurück, die viele auf ihrer beschwerlichen Reise nach Bosnien verloren haben. 

 

Polizeigewalt und Hoffnungslosigkeit

 

Bosnien gilt als Transitland für Geflüchtete. Fast alle wollen in die EU. Seit den europäischen Grenzschließungen im Jahr 2015 sitzen zahlreiche Menschen, die über die Balkanroute nach Europa wollten, in Bosnien fest. Der einzige Weg in die EU führt über Kroatien. Bihac ist nicht einmal 100 Kilometer von der Grenze entfernt. 18 Stunden Fußweg, sagt Google Maps. In Bosnien wird es im Winter sehr kalt. Vor allem in den Wäldern liegt oft hoher Schnee. In den Bauruinen im Wald finden regelmäßig Razzien statt – so sichert die Polizei die chronische Vertreibung der Geflüchteten. In Bosnien ist die Hoffnungslosigkeit groß, „für viele fühlt es sich an wie eine Sackgasse“, sagt Jannik und seufzt.

 

„Hast du von den Push-Backs gehört?“ Ich nicke und bevor ich darauf antworten kann, fängt er an zu erzählen. An der kroatischen Grenze gebe es keinen großen Zaun, der Übergang vom bosnischen in den kroatischen Wald sei leicht. Die Menschen denken, sie seien in der EU und sicher – bis die kroatische Polizei sie aufgreift. „Horror“, sagt Jannik. „Die kroatische Polizei lädt die Menschen in einen Van und fährt sie zur bosnischen Grenze. Ohne Asylverfahren.“ Das verstößt gegen europäisches Gesetz. Geflüchtete müssen in dem Land registriert werden, in dem sie ankommen. „Meistens fahren die Polizisten Umwege und Kurven, damit sich die Leute gegenseitig auf die Füße kotzen“, sagt Jannik, seine Stimme bebt. „Und bevor sie wieder in Bosnien sind. Dann wird ein großes Feuer gemacht und die Menschen werden gezwungen all ihre Sachen reinzuwerfen. Die Menschen werden verprügelt, ich habe auch schon von sexuellem Missbrauch gehört.“ Jannik schluckt. „Und dann heißt es nur noch: Run, run, run back to Bosnia.“ Das ist so schrecklich, dass ich kaum verarbeiten kann, was ich höre. Janniks Beschreibungen fallen in den Raum des Unvorstellbaren. „Das passiert jeden Tag“, sagt er. In den Wäldern Bosniens laufen in diesem Augenblick Frauen und Männer ohne Schuhe über den kalten Boden, Kinder ohne Winterjacken, Menschen ohne Hoffnung. Jannik erzählt von Menschen, die er getroffen hat, die es 30 Mal versucht haben. Kroatien – Polizei – Van – Feuer – Schläge – Bosnien. Es ist immer dasselbe, die Ausprägungen variieren. „Vor Kurzem haben wir nachts eine Gruppe aufgegriffen, die hatten alle geschwollene Augen und geschwollene Rippen und blutende Nasen.“ Ein Mann sei zu schwach gewesen, um seine Wasserflasche zu halten. „Wir können dann nichts machen, außer Wunden abtupfen und Schmerzmittel verteilen.“ „Wie kannst du das aushalten?“, frage ich. „Meistens wird mir erst klar, wie krass das ist, wenn ich darüber spreche“, sagt Jannik.

 

Nothilfe reicht nicht

 

Darüber sprechen. Hinschauen. Nicht einverstanden sein. Jannik tut, was wir alle auf unsere Weise tun sollten: sich für die Menschen einsetzen, die nicht für sich selbst einstehen können. Die Geflüchteten in Bosnien werden unterdrückt, erniedrigt und misshandelt. In einer Sackgasse voll Hoffnungslosigkeit und Frust. „Man macht überhaupt keinen Fortschritt“, sagt er. „Wenn ich in ein paar Monaten wiederkommen würde, dann wären wir an genau dem gleichen Punkt.“ Jannik spricht aus, was niemand hören will: dass Nothilfe nicht ausreicht und eine politische Lösung her muss. Die EU steht vor den Trümmern ihrer Abschottungspolitik. Leidtragende sind die, denen es ohnehin am Schlechtesten geht. 

 

 

Janniks Zeit in Bosnien neigt sich dem Ende zu. An Weihnachten möchte er wieder bei seiner Familie in Deutschland sein. Vorher kommt ihn ein Freund besuchen. Auf eigene Faust wollen sie mit dem Wohnmobil durch das Land fahren und Lebensmittel verteilen. Ich bin von seiner Einsatzbereitschaft und seinem Willen, die Welt zu einem besseren Ort zu machen, beeindruckt und frage ihn, was ihn antreibt. Jannik lacht. „Ich bin sehr, sehr, sehr gesellschaftspolitisch interessiert.“ Interesse und Engagement scheinen ab einem bestimmten Grad zu verschwimmen. Bei Menschen wie Jannik zumindest. Als ich ihn frage, was er sonst noch gerne macht, redet er über Hochschulinitiativen und Politisches. „Und Lesen“, sagt er. Und während Jannik über sein Lieblingsbuch spricht klingt es, als genieße er die Möglichkeit, der Realität für eine Zeit zu entkommen. Es heißt übrigens „Ein wenig Leben.“