Teil 8 von 8 aus der Serie von Christina Lopinski

„Passport control“. Eine Männerstimme reißt mich aus dem Schlaf. Aus meinem unruhigen Schlaf in Alarmbereitschaft, den ich in den letzten zwei Wochen in Istanbul gehofft hatte zu überwinden. Wir sind in Kapikule, dem türkisch-bulgarischen Grenzübergang. Es ist mitten in der Nacht, „you have to leave the train.“ Der Polizist steht in dem Abteil, in dem ich mich auf der kleinen Pritsche zusammengerollt habe. „Now.“ Ich greife nach meinem Reisepass, überall gehen Lichter an, Menschen verlassen den Zug. Als ich an dem bärtigen Mann mit dunklen Augen vorbeigehe, sehe ich das Maschinengewehr, das quer über seine Schulter baumelt. Er trägt seine Waffe wie ich meinen Rucksack, mich überkommt ein kalter Schauer, draußen regnet es Schnee. Ich habe meine Jacke vergessen, als ich den anderen Menschen hinterher trabe. Wir alle müssen beweisen, dass wir hier sein dürfen. Wir müssen das, weil so viele Menschen es nicht sind. Kein Mensch ist illegal. An Grenzübergängen schon, das wird mir in dieser Nacht sehr deutlich bewusst. 

 

“Wir alle müssen beweisen, dass wir hier sein dürfen.”

 

Ich stehe neben Danielle, aus Südafrika, die zum Skifahren ins Umland der bulgarischen Hauptstadt Sofia reist. Hoffentlich dauert das nicht so lange, sagt sie. Ich sage nichts und beobachte die Menschen um mich herum. Eine Wand aus müden Gesichtern erschlägt mich. Frauen mit kleinen Kindern werden vorgelassen. Als ich meinen Pass zeige schaut der Grenzbeamte mich prüfend an. Wie lange ich in der Türkei war. Was ich dort gemacht habe. Ob ich wiederkommen will. Ich sage „soziales Projekt“ und nicht „Flüchtlingshilfe“, ich fühle mich sehr unwillkommen, in diesem patriarchalen Machtgefüge, obwohl mir mein Pass das Recht gibt, hier zu sein. Ich denke an Rashid und Sheyha. Sie mussten ihrem Schleuser 4.000 Euro bezahlen, zwei Mal. Um Syrien zu verlassen und die Türkei zu betreten. “Ridiculous”, sage ich, als Danielle und ich durch den Schnee zurück Richtung Zug stapfen. Ridiculous, antworte ich mir selbst. Danielle sagt nichts. Ich rolle mich in Embryonalstellung in meinem Schlafsack zusammen und spüre das Rollen des Zuges. Bevor ich einschlafen kann wird das Licht erneut angemacht. „Passport control.“ Bulgarische Grenzbeamte stehen im Gang, schauen mich und die drei anderen Frauen herausfordernd an, wo sind die weiblichen Polizisten, frage ich mich. Wenigstens keine Waffen. 

Ich bin erleichtert, wieder in Europa zu sein. Dieses Mal müssen wir den Zug nicht verlassen. Unsere Pässe werden eingesammelt, wir werden im Abteil befragt, wohin wir wollen und was wir vorhaben. Wir stehen fast eine Stunde im bulgarischen Nirgendwo, bis sich der Vorhang am Fenster sanft bewegt und sich der Balkan-Express wieder in Gang setzt. Schon verrückt. Der Orientexpress, auf dessen Schienen wir fahren, wurde ursprünglich entwickelt, um das national isolierte Eisenbahnnetz zu verbinden. Um freier reisen zu können, ohne Umsteigen an Grenzbahnhöfen. Von Paris bis Konstantinopel. Wie war das 1883 mit den Passkontrollen und den Maschinengewehren? 

 

Drei Tage vorher

„Was?“ Mein Freund und ich klemmen vor dem Lautsprecher seines Telefons. Es ist zwei Uhr nachts, Neujahr. Wir hören nichts, außer lautes Knallen und Stimmengewirr, zwischendurch bricht die Verbindung ab. Es ist kurz nach 12 in Deutschland. In Istanbul sind die Straßen leer gefegt, es ist sauber und ruhig. Die Ambivalenz ist absurd, die Türkei knallt intrinsisch, öffentlich ist davon nichts zu spüren. „Frohes Neues Jahr“, höre ich seine Mama sagen, und seinen Bruder und seinen besten Freund. Wir lehnen gegen ein Auto in einer Nebenstraße des Taksim, DER Einkaufstraße Istanbuls. Ich verstecke meine Bierflasche zwischen unseren Jacken, ich weiß nicht, ob man hier öffentlich trinken darf, ich weiß nicht, was man hier überhaupt darf, eben wurden wir abgetastet, als wir über die Straße gelaufen sind. Die Polizeipräsenz ist einschüchternd. An jeder Straßenkreuzung stehen Polizeieinheiten, maximal bewaffnet. Die Regierung hat in den letzten Jahren die Alkoholsteuer angehoben und sämtliche Orte des öffentlich-sozialen Lebens geschlossen. Es gibt kaum noch Techno-Clubs. Das Opernhaus wurde abgerissen und zu einer Moschee umgebaut. Istanbul hat fast 20 Millionen Einwohner und kein Opernhaus mehr. In Berlin leben nicht einmal 5 Millionen Menschen, die vier Opernhäuser besuchen können. 

 

“Ich weiß nicht, was man hier überhaupt darf.”

 

Das Regime mag man im Alltag nicht spüren. Wenn es zu institutioneller Unterwanderung und dem Abbau von Kunst und Kultur kommt spürt man, wie eine Demokratie zur Autokratie degradiert. „Warum gehen die Menschen nicht auf die Straße? Warum sagt denn keiner was?“ Mein Freund flüstert aufgeregt, als wir zwei Tage vorher in der Universität der Künste sitzen und einer Tanzperformance zuschauen. „Die Leute trauen sich nicht“, sage ich. Und mir fehlt die Erklärung, genauso, wie mir Verständnis für all das fehlt, was hier politisch passiert. „Aufstände werden niedergeschlagen. Du wirst auf Listen gesetzt und verfolgt, du kannst dich nicht wehren“, erklärt uns am Tag darauf ein junger Mann, den wir treffen. Die Regierung führt schwarze Listen, mit unerwünschten Personen. Personen, die nicht einreisen dürften, weil sie aufdecken könnten, was passiert. Weil die mediale Darstellung der Aushöhlung der Demokratie dem Präsidenten international schadet. Weil Pressefreiheit in der Türkei zu einem Fremdwort wird. 

Und dann treffen wir Achmet und Hadi. Wir sind auf einer der wenigen Techno-Parties, die in Istanbul noch geduldet werden. Der Raum ist klein und nicht wirklich voll. Der Bass ist leise und man darf drinnen nicht rauchen. Ich denke an die Berliner Techno-Szene und finde, dass diese Szenerie das unterschiedlich gelebte Freiheitsverständnis sehr gut widerspiegelt. Achmed legt auf. Er hat lange Rastalocken und ist voll tätowiert, seine Wimpern sind lang, er strahlt, seine Aura füllt den Raum. Wir tanzen zu Arab-Techno. Hier wird inklusive Freiheit zelebriert, Achmed kommt aus Syrien. Er ist vor ein paar Jahren geflohen, er lebt jetzt illegal hier. Deshalb fährt er keine Metro und keine Fähre, Polizisten machen stichprobenartige Untersuchungen, es ist viel zu gefährlich, das Risiko abgeschoben zu werden, ist zu groß. Es ist kein Vorurteil, dass einige Geflüchtete zu Kriminellen werden oder zu Drogenabhängigen oder Dieben. Genauso wie einige Deutsche abrutschen oder Südamerikaner oder Chinesen. Es ist normal, dass Perspektivlosigkeit frustriert und dass Frust Sucht fördert. 

Achmeds Sucht ist die Musik. Keine Papiere, keine Arbeitserlaubnis, es ist dem jungen Mann egal. Er organisiert Partys und arbeitet als DJ. Er muss vorsichtig sein, aber er vertraut den Menschen. Ich beobachte Achmed, wie er an seinem DJ-Pult steht und die Musik fühlt, genauso, wie wir. Techno ist mehr als Musik, Techno ist Kultur und Revolution, Techno ist der pazifistische Wunsch nach Anarchie und kreativer Selbstverwirklichung. Achmed ist genauso wie wir. Ich will, dass er genauso ist, wie wir. Wir lächeln uns an und ich vergesse für einen Moment das verrückte Konstrukt von Asylverfahren und Abschiebeflügen. 

 

“Perspektivlosigkeit frustriert, und Frust fördert Sucht.”

 

Ein paar Stunden später sitzen mein Freund, Hadi und ich auf der Treppe. Der Club schließt gleich, unsere Freunde in Berlin verlassen wohl gleich erst das Haus, die Uhren ticken hier anders. „Komm uns in Deutschland besuchen“, sage ich zu Hadi und umarme ihn. Er ist Achmeds bester Freund. Hadi lacht laut. „I wish“, sagt er. Und ich schaue betreten auf den Boden, die weißen Kacheln verschwimmen vor meinen Augen. „Wir besorgen dir einen Pass“, sagt seine Freundin. „Wir kriegen dich schon irgendwie nach Deutschland.“ „Tut mir leid“, murmele ich, weil ich den richtigen Umgang noch nicht gefunden habe. Weil es keinen richtigen Umgang damit gibt. 

„Scheiße“, sage ich, als uns die kalte Neujahrsluft entgegenbläst. „Das ist doch verrückt.“ Mein Freund nickt, wir sind traurig-befangen, anstatt ausgelassen-endorphinaufgeladen, wie ich es sonst bin, nach einer verschwommenen Partynacht. „Er ist genauso wie wir. Also genauso.“ Wir halten uns an den Händen. „Ich bin so froh, dass du endlich nachempfinden kannst, was ich seit Wochen fühle.“ Er nickt. Das Leben ist so, so unfair. Und noch unfairer, wenn man sich auf der anderen Seite befindet. Anders. Nicht falsch. Einfach nur anders. 

 

Heute  

Während ich das schreibe sitze ich in einem kleinen Cafe in Sofia. Die Weihnachtsdekoration ist noch nicht abgebaut, es ist eiskalt draußen. Es fühlt sich komisch an, wieder in Europa zu sein. In weniger als zwei Wochen werde ich zurück in Deutschland sein. Es kommt mir vor, als wäre ich Jahre weg gewesen. Ich träume oft vom Village und ich denke viel an die letzten Monate. Ich frage mich, wie es Yasmin geht, und Mutea, und wo Hamsa gerade ist, und Rama. Und ob die Kinder den Winter überleben. „Es geht so schnell“, sagt Nina, als ich sie frage, wie sie damit klar kommt, wieder zu Hause zu sein. „Manchmal fühlt es sich an, wie ein Traum.“ Ein Traum, der alles irgendwie verschoben hat. Ich wollte schon vor Tagen einen Abschlussbericht geschrieben haben. Ich kann nicht. Ich kann keinen Abschlussbericht schreiben, weil es keinen Abschluss gibt. Es wird immer Menschen geben, die fliehen müssen und es wird immer Menschen geben, die Geflüchtete abweisen. Macht und Ohnmacht werden sich genauso wenig die Waage halten können, wie Armut und Reichtum. Das ist schrecklich und furchtbar traurig und so unfair, dass es sich nicht in Worte fassen lässt. Wir müssen darüber reden, weil es uns genauso hätte betreffen können. Weil es uns genauso betreffen kann. Es gibt nicht nur politische und wirtschaftliche Flüchtlinge. 2050 werden 10 Milliarden Menschen auf dieser Erde erwartet. Weil Wenige viele Ressourcen verschwenden ist für Viele wenig da. Es wird Nahrungsflüchtlinge geben und Klimaflüchtlinge. Und alles wird sich wieder verschieben. Flucht und Migration existieren, seit es Menschen gibt. Wir müssen endlich anfangen, dem Thema die Wichtigkeit einzuräumen, die es bedarf. Nicht erst, wenn es uns aktiv betrifft.

 

“Ich kann keinen Abschlussbericht schreiben, weil es keinen Abschluss gibt.“

 

Fotos aus Christinas Zeit in der Türkei

 

Über die Autorin:

Christina Lopinski war von Oktober bis Dezember 2019 als Volunteer im IMECE Dorf in Cesme/Türkei für STELP im Einsatz. Die 24-jährige hat lange in Berlin gelebt und während dieser Zeit für das Berliner Abendblatt, die B.Z. und den Wiesbadener Kurier geschrieben. Aktuell ist sie bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig.