Teil 7 von 8 aus der Serie von Christina Lopinski

„Wir haben hier ein kleines Problem“, sagt Dustin, der neue Volontär mit den strahlenden Augen aus Colorado. Es gibt keine Probleme, Dustin, sage ich. Er lacht. „Du bist schon lange hier, oder?“ Ich nicke. Rama setzt sich gekrümmt auf den Stuhl vor mir, ich sehe sofort, dass ihre Hose zwischen den Beinen nass ist. Rama ist 13 Jahre alt. Ich lächle sie an, versuche ihr Schamgefühl wegzulächeln, sie starrt auf den Boden. „Komm“. Ich nehme sie an die Hand. Rama ist zum zweiten Mal in unserem Dorf, dieses Mal mit ihrem kleinen Bruder Machmut. Ich bin begeistert von ihrem Fortschritt. Sie läuft mittlerweile kleine Strecken ohne Krücken, sie wiederholt englische und türkische Wörter und sie bringt ihren Teller nach dem Essen selbstständig in die Küche. Nachts macht sie manchmal nicht mehr in die Hose, tagsüber wenn wir spielen ist es schwieriger. Es ist dunkel und kalt, während wir zu ihrem Container stapfen. Der Dezember ist auch in der Türkei angekommen, wir frieren und es regnet viel und heftig. „Kein Problem“, sage ich immer wieder und streichle ihr über den Rücken. Der Container, in dem sie schläft, riecht unangenehm. Ich habe in den letzten Wochen gelernt, Ekel wegzuatmen, für Ekel und Berührungsängste können wir keine Zeit haben. Ich ziehe die wenigen Klamotten, die das Mädchen besitzt aus der Schublade. Jede einzelne Hose ist voll mit Urin. Ich spüre, wie sehr sich Rama schämt. Ich sage auf deutsch, dass sie sich keine Sorgen machen soll. Dann kommt Yasmin ins Zimmer. Sie wühlt in den Schubladen, ich bin dankbar für ihre kindliche Grenzüberschreitung. Yasmin findet eine saubere Hose. Sie fragt auf arabisch, ob Rama sie anziehen will. Das Mädchen schüttelt den Kopf. Yasmin übersetzt, dass Rama duschen möchte. Ich atme tief durch. Es ist fast 19 Uhr, das Wasser ist um diese Zeit eiskalt, die Sonne ist vor Stunden untergegangen. Ich habe noch nie eine behinderte junge Flüchtlingsfrau geduscht. In einem Container. Ohne warmes Wasser. Okay, kein Problem, sage ich wieder, nehme Rama an die Hand und wir stapfen durch den Schlamm Richtung Dusche. Yasmin hält uns die Tür auf. Ich helfe dir, sagt sie. Ihr Englisch ist sehr gut mittlerweile, das Mädchen wächst dreisprachig auf, sie hilft beim Übersetzen und Verstehen, ohne sie wäre alles so viel schwerer, obwohl sie es objektiv selbst so schwer hat, Yasmin ist 9, sie beeindruckt mich sehr. 

Wir stehen also zu dritt in der Dusche, der Boden ist voller Schlamm. Rama sitzt auf den kalten Kacheln und schaut mich an. Ich lasse ihr vorsichtig Wasser über den Körper laufen. Wir waschen ihre Haare mit Läuseshampoo – hoffentlich werden wir die Läuse endlich los, denke ich, während ich mit zusammengebundenen Haaren über ihrem kleinen verkrümmten Körper hänge. Ich habe keine Angst mehr, selbst Läuse zu bekommen. Angst lähmt und Angst baut einen Zaun um die Liebe, die ich für die Menschen hier spüre. Rama umarmt mich, als sie trocken und in frischen Klamotten auf dem Containerboden sitzt. Ich erfahre Dankbarkeit körperlich, das Gefühl berührt mich so sehr in diesem Moment, dass ich die Situation kaum aushalten kann. Ich streiche ihr über den Kopf, ich föhne ihr die Haare, ich möchte weinen, während ich mich frage, wann das Mädchen die nächste Möglichkeit bekommt zu duschen. Und wer ihr hilft. Und ob sie jemals alleine für sich sorgen können wird. Dieses Schicksal ist so schwer, ich kann es nicht greifen, sonst würde mein Herz wohl daran zerbrechen. Morgen müssen wir Rama zurück in ihr Camp, in ihr Zelt, in ihr kaltes und nasses Zuhause bringen. Ich habe einen Text über Rama geschrieben. Ich verlinke ihn am Ende dieses Textes. 

Ich schreibe über diesen Vorfall, weil ich während dieses Vorfalls hatte schreiben wollen. 

Ich zelebriere es jedes Mal, wenn der Tag vorbei ist und ich mir ein paar Minuten Zeit zum Schreiben nehmen kann. Die Tage hier sind nie vorbei. Die Tage sind lange Wochen der allzeitigen Alarmbereitschaft. Kein Problem. Wenn ich zurück in Deutschland bin, werde ich viel Zeit haben, alles aufzuschreiben, beruhige ich mich selbst. Dustin und Rama sitzen neben mir und lernen die Zahlen von 1-10 auf türkisch. Draußen regnet es. Ich möchte über etwas schreiben, was mir letzte Woche passiert ist. Ich möchte über eine Vergangenheit schreiben, die mich erschüttert und verstört und nachhaltig geprägt hat. Ich habe die vergangene Woche in Nizip an der syrischen Grenze gelebt. Ich sollte immer noch da sein, aber das Leben dort hat mich krank gemacht. Wie fühlt es sich an, an einem Ort zu leben, von dem jede*r flieht, der kann? Aleppo ist weniger als eine Autostunde entfernt, in Nacht Nummer 3 kann ich nicht schlafen, ich bilde mir ein, Schüsse zu hören, die ganze Nacht. Mein Körper schwebt im Ausnahmezustand. Und ich habe das erste Mal Angst um mein Leben.

 

“Ich möchte über eine Vergangenheit schreiben, die mich erschüttert und verstört.”

 

Cesme und Nizip trennen knapp 1.300 Kilometer. Ich entscheide mich den Bus zu nehmen. Der Abschied ist tränenreich und schmerzhaft, ich frage mich, ob ich Mutea und Yasmin und Yusuf jemals wiedersehe – was passiert, wenn plötzlich alle Geflüchteten abgeschoben werden? 

Ich verdränge den Gedanken, 19 Stunden später befinde ich mich an einem kleinen Busbahnhof, ich bin die einzige Person, die aussteigt, weil ich die einzige Person bin, die so weit gefahren ist, Endhaltestelle Nizip. Und jetzt? Ich schaue mich um. IMECE und Stelp betreiben hier ein Frauenhaus, das Workshops für Geflüchtete anbietet, Gesprächsrunden und Erste Hilfe Kurse, ein Schutzort von Frauen für Frauen, ein super Projekt, aber keine Freiwilligen. Es ist Winter und es ist die syrische Grenze, kein Problem, dachte ich die letzten Tage, jetzt habe ich Bauchschmerzen, während ich an diesem leeren Busbahnhof stehe und niemand hier ist, der auf mich wartet. Die Landschaft hat sich verändert. Alles sieht erdig aus und bergig. Ein knochiger Mann steht vor mir. „Christina?“ Ich nicke vorsichtig. Er winkt und läuft los, er winkt mich hinter sich her, ich bin unsicher und laufe langsam. Yasmin, die Verantwortliche für das Frauenhaus, selbst vor vier Jahren aus Syrien geflüchtet, kann mich nicht abholen. Sie schicke ihren Nachbarn, vielleicht. Wir steigen in sein Auto, ich zeige immer wieder auf das Whatsapp-Profilbild von Yasmin. IMECE, sage ich, IMECE, wiederhole ich, IMECE schreie ich fast panisch. Wir fahren durch Nizip, der Busbahnhof ist weit außerhalb. Die Stadt ist heruntergekommen. Gebäude sind Ruinen, Bauschutt ziert den Boden, die Frauen tragen Burka, die wenigen, die ich sehe, überall sind Männer. Ich fühle mich sofort unwohl, obwohl ich mich nicht unwohl fühlen möchte. Ich möchte nicht Angst vor Kultur haben, ohne die Kultur zu kennen. Scheiß Vorurteile, denke ich. Dann fange ich an, dem Nachbar, dessen Namen ich bis heute nicht kenne, aktiv zuzuhören, der mir offensichtlich eine Stadtführung gibt. Ich sehe viele Supermärkte und kleine Läden und einen Park. Mir wurde gesagt, dass es hier sicher ist. Und dass ich das Haus verlassen darf, tagsüber. 

 

“Ich möchte nicht Angst vor Kultur haben, ohne die Kultur zu kennen.”

 

„Hast du noch Fragen?“ Yasmin schaut mich an. Sie sieht müde aus. Wir stehen im Wohnzimmer eines riesigen Wohnhauses. Mein neues Zuhause für die nächsten Wochen. „Wir können gerne schon morgen mit dem Programm anfangen“, sage ich. Sie schüttelt den Kopf. „Du musst dich ausruhen.“ Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich drei Tage lang ausruhen muss. Bevor ich etwas erwidern kann knallt die Haustür. Und ich bin komplett alleine. Das Haus ist dreistöckig, es bietet Platz für vier Volontäre. Mir ist so kalt, nachts friert es hier, wenn die Sonne nicht scheint ähneln die Temperaturen denen in Deutschland. Ich fasse die Heizkörper an, kalt. Ich drehe sie auf, aber es passiert nichts, das warme Wasser muss abgedreht sein. Ist es das warme Wasser? Kann ich duschen? Habe ich überhaupt Wasser? Ich renne Richtung Spüle und stöhne, als Wasser aus dem Hahn spritzt. Mein Herz schlägt schnell, ich habe einen Kloß im Hals und mir ist schlecht. Ich fühle mich einsam. Nicht alleine und gelangweilt, ich spüre eine tiefe Einsamkeit, die mir Angst macht und meinen Körper in Alarmbereitschaft versetzt. Ich spüre Stress, emotional und mental, das halte ich niemals länger als einen Tag aus, denke ich, während ich meine Sachen in die Schränke räume. 

 

So viele Fragen und niemand der mit mir spricht. 

„Kannst du denn vor die Tür? Also wie ist es denn dort auf der Straße? Und warum bist du dort ALLEINE?“ Mein Freund schreit mich fast an, mit all seinen Fragen, seine Sorge schreit und trifft auf meine Unsicherheit, eine schlechte Kombination. Ich weiß nicht, sage ich immer wieder. Dann entscheide ich mich, einkaufen zu gehen, so lange es noch hell ist. Mein Handy ist kaputt und sämtliche Ortungsdienste funktionieren nicht, ich kann mich schlecht orientieren, also laufe ich dorthin, wo ich den Ortskern vermute. Ich werde angestarrt, so wurde ich in meinem Leben noch nie angestarrt. Ich schaue auf den Boden, weil ich den Blicken der Männer nicht standhalten kann. Ich fühle mich unterdrückt und ich weiß, dass das selbstverschuldet ist, weil ich ausstrahle, was ich fühle. Ich finde mich in einer Nebenstraße wieder. In einer Garage wird ein Schwein geschlachtet, Blut fließt über den Boden. Ich ziehe vorsichtig mein pinkes Stirnband aus den Haaren und meinen Schal über den Kopf. Beleidige ich all die Frauen hier, wenn ich meine Haare und meine Haut nicht bedecke? Was denken sie? Und warum gibt mir Vollverschleierung so ein wahnsinnig ungutes Gefühl? Und warum tut man sich das an? Ich habe so viele Fragen, während ich durch die Straße von Nizip laufe. Niemand, mit dem ich all das besprechen kann. Niemand, der Antworten für mich hat. Um mich herum nur Menschen, die weder Sprache noch Kultur teilen. Ich muss mich unterhalten, um den Ort hier zu verstehen, um meine Situation einschätzen und meinen Platz finden zu können. Ich kann nicht. Ich schwebe. 

 

“Ich fühle mich unterdrückt und weiß, dass das selbstverschuldet ist.”

 

Meine Unsicherheitsblase war selten größer. Es ist dunkel, als ich nach Hause komme. Es wird hier früh dunkel, um kurz nach 5 ist der Himmel schwarz. Ich mache Musik an, versuche meine Angst mit Singen zu bekämpfen, rede mit mir selbst, während ich Kartoffeln und Karotten wasche und schneide. Mir ist so kalt, ich trage Mütze und Jacke in der Wohnung, ich bin von innen durchgefroren und habe das Gefühl, nie wieder warm zu werden. Kein Problem, beruhige ich mich. Kein Problem, sage ich immer wieder. Ich bin eine Kein-Problem-Spirale, es ist Tag 1, 18 Uhr, ich werde verrückt, denke ich. Dann klingelt mein Handy. Mein Gemüse kocht. Ich sehe eine Nachricht von einer türkischen Nummer, die ich nicht kenne. Ich öffne einen Whatsapp-Chat. Ich sehe ein Selfie von einem jungen Mann. Dann ein Foto von meinem Hauseingang. Vor Schreck fällt mir das Handy aus der Hand und ich fange an panisch zu weinen. Niemand kann mich trösten, es gibt nicht einmal jemand, der mein Weinen hört. Und die nächsten drei Tage werde ich niemanden sehen. Ich könnte heute Nacht sterben, niemand würde es merken, schreibe ich in mein Tagebuch. Es ist Sonntag, 22 Uhr. Ich bin tränenleer.

Wenn Ego und Gesundheit kämpfen

„Versuch die Zeit für dich zu nutzen, mach Ausflüge und all das, was du im Camp nicht machen konntest.“ Das geht aber nicht. Ich will meiner besten Freundin meine Situation erklären, aber es ist so abstrus, dass ich es nicht einmal selbst verstehe. Ich habe schlecht geschlafen. Bei jedem Geräusch bin ich hochgeschreckt, drei Mal habe ich die Haustür gecheckt, in der Morgendämmerung musste ich aufstehen und auf der Stelle rennen, weil ich vor Kälte weder schlafen noch wach sein konnte. Eine solche Einsamkeit habe ich noch nie gespürt. All die Eindrücke aus den letzten Wochen kommen hoch, ich spüre, wie sehr mich die Zeit in der Türkei verändert, ich brauche Gesellschaft, um all das verarbeiten zu können. Ich muss getröstet werden und gehalten, ich kann nicht mehr. Der Körper kann so viel mehr, wenn er muss, ich verdränge all diese Gefühle. Ich will mir nicht eingestehen, dass dieses Frauenhaus nicht der Ort meiner Vorstellungen ist und ich will mir nicht eingestehen, dass ich hier nicht bleiben kann. Mein Ego kämpft mit meiner Gesundheit. Es ist Tag 2, ich fahre in die nächst größere Stadt, Gaziantep, und versuche mich abzulenken. Im Minibus dürfen Frauen und Männer nicht nebeneinander sitzen. 

Ich denke an Rosa Luxemburg und ich fühle mich wie in einem anderen Universum. Ich spüre, wie ich mich dem Frauenbild anpasse. Ich verhalte mich devot, schaue nicht provokant in Männeraugen, sondern auf den Boden. Ich lächele fremde Frauen nicht an, weil ich nur böse Blicke ernte, ich verhalte mich klein und unauffällig, ich widerspreche mir selbst, das tut weh. In Gaziantep ist das ein bisschen anders. Ich nutze aus, dass mir niemand bis vor die Haustür folgen kann, ich ziehe den Schal von meinem Kopf und kann wieder freier atmen. Ich besuche die Burg und mache ein Foto vor dem Ortsschild. Ich bin Touristin, ich fühle mich fremd hier, aber frei, ich fühle mich willkommen, Gaziantep ist keine Geisterstadt, hier leben Menschen freiwillig. Als ich einen vegetarischen Döner bestelle, kriege ich ihn geschenkt. Kein Fleisch, kein Geld, sagt der Mann. Ich lache, wir kommen ins Gespräch, er fragt im dritten Satz, ob ich verheiratet bin, ich sage ja und bin frustriert, kein normales Gespräch führen zu können. Was ist schon normal? 

Ich muss mich früh auf den Rückweg machen, auf der Rückfahrt ist mir schlecht, weil ich panische Angst vor dem Abend und der Nacht habe. Die Zeit von 17 bis 22 Uhr vergeht rückwärts, ich bin so aufgeregt, dass ich mich nicht einmal auf einen Film konzentrieren kann. Ich habe die türkische Nummer blockiert, die mir gestern geschrieben hat. Beobachtet mich dieser Mann? Ist mein Vorhang eigentlich durchsichtig? 

 

“Ich habe panische Angst vor dem Abend und der Nacht.”

 

Drei Tage in der einsamsten Einsamkeit meines Lebens sind vorbei. Es ist Mittwoch und das Programm geht los. Von 10 bis 12 kommen geflüchtete Frauen mit ihren Kindern ins Haus, das Programm dauert fünf Tage, es wird Seife gemacht und Kerzen, Cremes und Armbänder und zuletzt ein Erste-Hilfe-Kurs. Wie sollen die Frauen an potenzielle Käufer kommen? Und wer passt auf die Kinder auf, wenn ihre Mütter zu Hause produzieren? Ich habe so viele Fragen, Yasmin kann mir keine Einzige beantworten. Ich zweifle das Projekt an, bevor es angefangen hat. Mich stört meine Skepsis, weil sie es mir unmöglich macht, mein Herzblut hineinzustecken. Geduld, sage ich immer wieder zu mir. Sei geduldig. Pass dich an. Es geht nicht um dich. Die Frauen schweben groß und schwarz und pünktlich um 10 Uhr vormittags ins Wohnzimmer. Ich stelle mich vor und bin dankbar, dass sie ihren Schal vom Gesicht ziehen. Wir unterhalten uns kurz. Drei von den Frauen sind so alt wie ich. Alle haben Kinder im Grundschulalter. Wo sind deine Kinder, fragt Fatma. Keine Kinder, sage ich. Keinen Mann? Du Arme, sagt sie.

Das Weltbild ist mir so fremd. Das Freiheitsverständnis ist so anders, ich möchte lieber einen Vortrag über Selbstbestimmung und Unabhängigkeit und das Patriarchat halten, aber jetzt wird Seife gemacht. Von Emanzipation kann man eben auch keine Familie ernähren. Yasmin bittet mich, mit Nua und Hamsa ins Spielzimmer zu gehen. Es ist so kalt. Nua hustet, ihr Atem rasselt. Nua muss zum Arzt, sage ich später zu Yasmin. Keine Zeit, wird sie sagen, und ich frage mich, warum wir Kollektiv-Seife anstatt Kollektiv-Arztbesuche machen. 

Hamsa hat blaue aufgerissene Lippen. Seine Haut schimmert grünlich. Er muss auch krank sein. Ich erfahre in den nächsten Tagen, dass die Familie in einem nassen Loch lebt. Natürlich sind die Kinder krank, wird Yasmin sagen. Es ist Winter. Ich versuche die Krankheit wegzuspielen, ich bin laut und überfreundlich, ich bin weder authentisch noch liebevoll, weil ich so überfordert bin, dass ich nicht ich selbst sein kann. Nua fängt an zu weinen, ich setze sie auf einen Kinderstuhl und klatsche ihr ein Mandala vors Gesicht. Bitte mal doch einfach dieses blöde Bild aus, sage ich auf Deutsch. Ich versage, und ich spüre das. Bitte Nua. Sie fängt an zu weinen, ich trage sie nach unten, ich bin erschöpft, im Spiegel des Fensters sehe ich meine lila Ringe unter den Augen. Ich sehe auch krank aus. Hamsa spielt friedlich mit den Autos als ich zurück ins Zimmer komme. Ich streichle ihm über den Rücken, er lacht mich an, seine Augen strahlen. Danke Hamsa, sage ich und kann das erste Mal seit Tagen wieder lachen. Danke für die Liebe, die ich so dringend brauche. 

Yasmin fragt mich nach der Stunde wie es war. Gut, lüge ich, weil ich mir nicht eingestehen kann, wie schrecklich ich alles hier finde. Ich zähle nicht nur die Tage, ich zähle die Stunden, bis ich hier weg kann. „Du musst mit Yasmin reden“, redet mein Freund auf mich ein. Ich weiß, dass er recht hat, aber ich kann nicht. Ich will nicht noch zusätzlich Ärger machen. Außerdem bin ich nicht in der Position, mich zu beschweren. Mir ist kalt, okay, aber die Geflüchteten frieren alle noch mehr. In diesen Tagen lerne ich, dass Leid nicht vergleichbar ist. Und dass Hilfe erst dort anfangen kann, wo Selbsthilfe bereits stattfindet. Niemand hat etwas davon, wenn es mir schlecht geht. Ein einfacher Satz, ein langer Lernprozess. 

 

“Hilfe kann erst dort anfangen, wo Selbsthilfe bereits stattfindet.”

 

Es ist Donnerstag. Die Nacht war schrecklich, jede Nacht ist schrecklich, ich spüre, dass mich das Haus und die Situation krank machen. Alle meine Freunde sind auf Weihnachtsmärkten und auf Konzerten, Weihnachtsbäckerei in Deutschland, ich stelle mir vor, wie es nach Glühwein und Vanillekipferl riecht, während ich mir einbilde, Einsamkeit riechen zu können. Ich will nichts, außer nach Hause, weil ich mich so verletzlich fühle und so hilflos. Ich bin ein ohnmächtiges Kind, und keine unabhängige Frau. Ich muss über den Schatten meines Egos springen, ich springe weit, ich schaffe es Nina anzurufen. Es fällt mir schwer meine Situation zu erklären. Sobald ich ihre Stimme höre, geht es mir besser. Ich vermisse sie so sehr, ich vermisse unser Dorf, ich vermisse die Kids, ich vermisse mich selbst. „Meinst du ich kann zurückkommen, Nina?“ Sie lacht. „Du kannst immer nach Hause kommen“, sagt sie. Ich fange an zu weinen, ich bin emotional so instabil, ich schluchze Nina ins Ohr und möchte mich am liebsten in unseren Container beamen. „Aber hier ist auch Trouble“, sagt sie. Und dann lachen wir über die Dusche, die kaputt ist und den Schlamm, der aus dem Wasserhahn kommt, und über die Läuse und alles andere. „Morgen rede ich mit Yasmin“, sage ich. „Ich hab dich lieb“, sagt Nina. Du glaubst gar nicht, wie lieb ich dich habe. Und wie dankbar ich dir bin. Ohne dich wäre ich wahrscheinlich schon wieder in Deutschland, Nina. 

Ich schreibe eine Nachricht an Yasmin. Können wir heute nach der Stunde kurz reden? Klar, schreibt sie. Ich habe Angst vor dem Gespräch. Ich merke, dass ich ein Problem damit habe, potentiellen Erwartungen nicht gerecht zu werden. Ich kann schlecht für mich einstehen. Ich sehe so viele externe Bedürfnisse, dass ich meine dabei vergesse. Ich lebe manchmal außerhalb meines eigenen Universums. Wahrscheinlich bin ich deshalb hier gelandet, meine Unsicherheit, mein Endgegner. Während die Frauen Armbänder knüpfen spiele ich mit den Kindern. Heute klappt es besser, weil ich mich emotional schon von dem Ort verabschiedet habe. Ich gehe zurück nach Cesme, habe ich gestern in mein Tagebuch geschrieben. 

Yasmin fragt mich, wie es war. Heute hat Nua nicht geweint. Es war gut, sage ich. Aber ich glaube Hamsa ist sehr krank, er muss zum Arzt. Yasmin setzt sich neben mich. Und dann erfahre ich etwas, dass ich bis jetzt nicht verarbeitet habe. Hamsa ist sechs Jahre alt. Vor drei Jahren ist er mit seinen Eltern in die Türkei geflohen. Die Familie musste in Nizip an der Grenze bleiben, weil das Geld zur Weiterreise fehlt. Hamsa hat einen angeborenen Herzfehler. Er braucht regelmäßige medizinische Behandlung. Aber vor allem braucht er ein Spenderherz. Organschäden gehen an Geflüchteten nicht vorbei. Wir kriegen das nur nicht mit, weil die Kranken früh sterben. Survival of the fittest. Ich möchte brechen, während ich das schreibe, weil es so furchtbar ist. Wenn wir wegen eines Schnupfens eine Woche krankgeschrieben werden, sterben Kinder an Lungenentzündungen, weil sie keine Krankenversicherung haben. Oder der Weg zum Arzt zu weit ist. Oder, oder. Hamsas Arzt in Syrien hat ihm fünf Lebensjahre gegeben. Hamsa ist jetzt sechs, Hamsas Mutter betet jeden Tag, dass er morgens aufwacht. Sie müssen nach Antalya, dort könnte er ein Spenderherz bekommen. Sie können nicht, Hamsa hat viele Geschwister, Hamsas Mutter traut sich den Weg nicht alleine zu, der Vater muss arbeiten, sonst wird er möglicherweise gefeuert, dann hungert die Familie. Außerdem wäre das Busticket zu teuer. Dann bezahle ich das, sage ich intuitiv. Yasmin lacht. Es gibt tausende Hamsas auf dieser Welt, sagt sie. Und von dem Geld würde die Familie wahrscheinlich Essen kaufen. Tod lässt sich verdrängen, Hunger nicht. 

 

“Tod lässt sich verdrängen, Hunger nicht.”

 

Ich bin verstört nach der Unterhaltung. Mein kleiner Cousin ist sechs Jahre alt. Ich sehe die Welt auseinanderdriften, jeden Tag aufs Neue und jeden Tag mehr, meine Welt teilt sich in zwei und ich springe zwischen zwei Universen. Ich habe Kopfschmerzen, obwohl ich nie Kopfschmerzen habe. Es ist so schwer. Es ist so, so schwer. Ich spüre stärker denn je, dass ich nicht alleine bleiben kann. Ich fange sofort an zu weinen. Yasmin nimmt mich in den Arm. Ich erkläre ihr meine Situation und meine Ängste, ich bekomme mich gar nicht mehr ein, ich schluchze, wie Kinder schluchzen und ich möchte nie wieder aufhören zu weinen. Schmerz wird nicht weniger, wenn er fließt, aber es tut gut, Gefühle ehrlich zu kommunizieren und zu teilen. Ich lerne, dass es kein Versagen ist, wenn man etwas nicht aushalten kann. Dass es nicht schwach ist, sondern stark, Situationen zu verändern, die unpassend erscheinen. Ich lerne, dass selbstverschuldetes Leid nicht ausgehalten werden muss. Ich denke an Hamsa während ich diese Zeilen schreibe. Spielst du noch mit Autos, mein kleiner Freund? 

Kindergeschrei in meinen Ohren. Meine Hände sind so kalt, dass ich kaum Tippen kann. Dustin versucht die wilde Meute zu beruhigen, die Kinder hören nicht, weil es Kinder sind, und weil es regnet, und weil Energien ausgelebt werden möchten. Ich sehe all das und ich genieße es. Ich genieße es so sehr, wieder hier zu sein. Ich bin dankbar, dass ich so liebevoll aufgenommen wurde. Dass niemand Fragen gestellt hat und dass alle mir helfen zu verarbeiten, was ich erlebt habe. Vielleicht war ich einfach noch nicht so weit, sage ich zu Taha, als er mich fragt, warum ich zurückgekommen bin. Ich glaube dafür ist niemand bereit, sagt Nina. Ich bin stolz, dass du es ausprobiert hast. Wir liegen in unserem Container, der Regen knallt auf das Wellblech, als würden tausend Hände dagegen schlagen. Ich fühle mich geborgen und sicher. Ich fühle mich zu Hause. Und ich hätte niemals gedacht, dass es mir so wenig ausmacht, mit Läusen und Regen und Kälte empfangen zu werden. Liebe und Gemeinschaft wiegt so viel stärker. 

Morgen müssen wir Rama und ihren Bruder zurück ins Camp bringen. Wir holen zwei neue Familien ab und verteilen Lebensmitteltüten und Gummistiefel. Nina fliegt am Sonntag zurück nach Deutschland, in 13 Tagen ist Weihnachten. Hier fühlt sich das Leben wieder bunt an, obwohl ich gerade auf der dunklen Seite der Realität lebe. See the beauty in the shit. Jana lächelt und legt den Arm um mich. Wir haben dich so sehr vermisst, sagt sie. Ich kann nichts sagen, weil ich selten in so kurzer Zeit so viel gefühlt habe. Meine Gefühlsskala scheint zu platzen. 

 

Über die Autorin:

Christina Lopinski war von Oktober bis Dezember 2019 als Volunteer im IMECE Dorf in Cesme/Türkei für STELP im Einsatz. Die 24-jährige hat lange in Berlin gelebt und während dieser Zeit für das Berliner Abendblatt, die B.Z. und den Wiesbadener Kurier geschrieben. Aktuell ist sie bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig.